Montag, 27. Juni 2016

Das Wiener Wehrbürgertum in der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts - Teil 4

Nachdem ich im Teil 2 der Serie "Das Wiener Wehrbürgertum in der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts" schon auf das Ausfahren und seine Einsatzfälle eingegangen bin möchte ich hier noch einige Überlegungen zum "täglichen Brot", also dem Alltag der ausfahrenden Wiener Bürger im Einsatz eingehen. Und nein, es geht jetzt nicht um das Care-Paket das Mama Gürtler dem Sohnemann auf Kriegszug in die Tasche stopfte.

Zu all dem muss ich aber zu Beginn gleich sagen: Ich bin kein Militärhistoriker (meine taktische Erfahrung ist bereits mit zwölf Zinnfiguren auf einem grünen Tischtuch umfassend beschrieben) und die hier angestellten Schlüsse und Vermutungen stammen aus hunderten Quellen aus denen ich versucht habe ein sinnvolles Puzzle zu erstellen.

Diese Darstellung der Schlacht von Kortrijk (Courtrai) ist eine der wenigen aus der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts die (wahrheitsgemäß) einen KampfInfanterie gegen Berittene zeigt


Die Truppen der Wiener Wehrbürger

Ich habe keine konkreten aussagen über die Zusammensetzung der Wiener Kontingente um 1340-1350 finden können, aber es ist davon auszugehen dass es sich vorwiegend um Schützen und klassische Infanterie gehandelt haben muss.
Das Halten und die Ausbildung eines für den Kriegseinsatz tauglichen Pferdes hätte die finanziellen Möglichkeiten eines typischerweise aus der Schicht der freien Handwerker stammenden Wehrbürgers ziemlich sicher überschritten. Und auch das persönliche Training, das für einen Einsatz als schwere Kavallerie von Nöten war stand nicht zu Verfügung sondern war auf die immer noch das Schlachtfeld dominierende Ritterschaft beschränkt.
Lediglich die reichen und nicht an klassischen Broterwerb (Nein, immer noch nicht Jausenzeit!) gebundenen Erbbürger wären wohl in der Lage gewesen eine unterstützende Reitertruppe aufzustellen, den Quellen zu Folge (und für mich auch ganz logisch, eine mittelalterliche Schlacht war ja kein Reigentanz) zogen die es aber vor Söldner als persönlichen Ersatz anzuheuern.

Bleiben also die Schützen. Da aber eine Armbrustschützendarstellung von mir nicht angedacht wird habe ich keine Recherchen in diese Richtung unternommen und kann daher nur das Bisschen wiedergeben dass mir so während dem Lesen untergekommen ist:
Die Armbrust war in der besprochenen Region und Zeit das Fernkampfmittel der Wahl, anders als z.B. in England spielten Bögen eine sehr untergeordnete Rolle im Kriegseinsatz. Textquellen aus dem 13. und 14. Jahrhundert heben hingegen den persönlichen Einsatz der Pfeilschnitzer und Bogner in der Stadtverteidigung eindeutig hervor, es ist also gut möglich dass diese Berufsgruppen aus ihrer handwerklichen Beschäftigung heraus eine natürliche Affinität für die Armbrust nutzten und erfolgreiche Schützenkontingente stellten. 
Ob der Rest der Bürgerschaft ebenfalls Schützenfähigkeiten besaß ging aus den von mir gesichteten Quellen nicht hervor, ein ausgebildetes Schützenwesen mit Übungen und Wettbewerben konnte ich aber für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts nicht belegen.
Die verwendete Armbrust war immer noch ein schon im 13.Jahrhundert bekanntes Modell mit Hornbogen (einem Komposit aus verklebten Tiersehnen und Kuhhornplatten) mit recht geringer Spannkraft. Ein um die Hüfte getragener Spanngurt mit Spannhaken reichte aus um die Waffe (oft in Deckung eines Setzschildes, der Pavese) zu spannen und dann zum Einsatz zu bringen.

Die genauen Einsatzmöglichkeiten von für den Nahkampf geeigneten Fußsoldaten (mit der in den vorhergegangenen Artikeln beschriebenen Ausrüstung "meiner" Zeit) ist im Ausfahrfall (was für ein Wort) nicht ganz einfach festzumachen, denn die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts war in der Kriegskunst immer noch in der klassisch hochmittelalterlichen Phase der ritterlichen, schweren Kavallerie befindlich.

Auch wenn erste, große Erfolge von Infanterie auf dem Schlachtfeld bereits errungen wurden, blieb dieser doch auf Schlachtfelder beschränkt welche besondere Geländenachteile für schwere Kavallerie aufwiesen. Als Beispiele möchte ich hier die Schlachten von Kortrijk  (1302), Bannockburn (1314) oder Morgarten (1315) nennen.

Bei Kortrijk, wo ein flämisches, bürgerliches Aufgebot ein französisches Ritterheer besiegte war das Schlachtfeld von den Städtern sehr sorgfältig ausgewählt worden. Sumpfiges, von Wasserläufen durchzogenes Gelände am Flussufer sorgten hier für einen derart schweren Boden, dass jeder Kavallerieangriff der Franzosen völlig zum Stillstand kam. Eine zusätzliche Vorbereitung des Schlachtfeldes durch die Flamen, welche Löcher an taktisch relevanten Stellen aushoben und sich so in Defensivbereitschaft brachten, unterstützte den Sieg maßgebend.

Ähnliches ist für die schottische Schlacht von Bannockburn zu sagen, auch wenn hier eindeutig speziell gegen Kavallerie geschulte Infanterie zum Einsatz kam. Die von den Schotten entwickelte Schiltron-Taktik (für die Makedonen 2000 Jahre zuvor schon ein alter Hut), bei der eine dichte Reihe von Fußsoldaten mit langen Spießen Formation bezog, war aber auch nur auf Gelände einsetzbar das eine Umgehung des Infanterieblocks durch die wesentlich mobilere Reiterei verbot. Wie bei Kortrijk war auch das Schlachtfeld von Bannockburn feucht und von Bachläufen durchzogen und für schwere Panzerreiter völlig ungeeignet.

Morgarten hingegen war ein klassischer Hinterhalt bei dem ein gesamter habsburgischer Heerzug in unübersichtlichem Gelände zwischen See und Bergwald angegriffen wurde. Die Ritter, die keinen Raum für eine effektive Aufstellung vorfanden, wurden durch Gerölllawinen von den Hängen in völlige Unordnung gebracht und von den im Wald lauernden Schweizer Infanteristen angegriffen oder in den See getrieben. Nix gegen die stolzen Schweizer, aber der erste Erfolg der später so berühmt-berüchtigten Schweizer Infanterie war zwar mit deren geliebten Halmbarten erhauen wurden, allerdings eher im Stil eines Raubüberfalls denn in offener Feldschlacht.

---- EDIT ----
Ein weiterer interessanter Infanteriekonflikt ist mir noch in die Hände gefallen, bei dem kein Wässerchen ein gemeine Rolle gegen die Ritter spielte sondern ein Berghang.
1339 belagerte Kaiser Ludwig (der Bayer, für die die ihn weniger mochten) gemeinsam mit den Habsburgischen Herzögen und weiteren Verbündeten die Stadt Laupen in der Schweiz.
Die Berner rückten zum Entsatz an, mit einer Truppe die beinahe ausschließlich aus Fußsoldaten (Spießträger, Halmbartiere und Schützen) bestand. Sie bezogen in geordneter Formation in mehreren Blöcken (30x30 Mann bis 50x50 Mann) Stellung auf einem Hang über der Stadt und warteten darauf dass die Belagerer ihre Stellungen aufgeben würden um anzugreifen. Die aber hatten gar nicht so große Lust darauf bergauf einen Infanteriehaufen anzugehen und versuchten eine Umgehung. Als diese erfolgreich die Nachhut der Berner vertrieb, entschlossen sich die Herren dann doch zu einem Frontalangriff. Blöde Idee! Die Schützen der Berner schossen aus erhöhter Postion in den Kavallerieangriff und die ungewöhnlich diszipliniertem Infanteristen hielten erfolgreich stand. So konnten die Belagerer zwar die Vorhut der Entsatzer noch einkesseln wurden dann aber zwischen Vorhut und dem Hauptblock der Schweizer eingezwängt und aufgerieben. Wer nicht fliehen konnte wurde erledigt. Ohne viel Tamtam.

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Was also tat die Infanterie wenn sie "ausfuhr"? Denn einen kampfentscheidenden Platz auf dem Feld hatten sie bei den überlieferten Schlachten der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eben nur in wenigen Ausnahmen. Hatten sie denn überhaupt eine taktische Bedeutung?

Um den Nutzen von Infanterie in jenen Tagen zu beleuchten muss man sich vor Augen halten, dass, wie schon gesagt, die hochmittelalterliche Kriegsführung in den Köpfen der Oberkommandierenden noch fest verankert war. Und die war ganz und gar nicht so "ritterlich" wie ihre Protagonisten es vielleicht suggerieren würden.

Das erste Mittel zur gewaltsamen Konfliktlösung war nämlich nicht das ruhmreiche Aufeinandertreffen lanzenbewehrter Panzerreiter sondern das eher unrühmliche Plündern, Niederbrennen und Verwüsten gegnerischer Landstriche. Diese "urtümliche" Strategie findet sich schließlich bis weit in das 14.Jahrhundert hinein, auch das böhmische Heer gegen das Otto der Fröhliche ins Feld zog (siehe Teil 2 der Serie) mied die offene Feldschlacht und beschränkte sich auf das "verheeren" von Landstrichen.

Selfies von spaßigen Gruppenaktivitäten im Fußsoldaten-Verein erfreuten sich im späten 14. Jahrhundert größter Beliebtheit
 
Aber vor allem im intimen, kleineren Rahmen war es einfacher ein paar rauflustige Freunde einzuladen und die Mühlen und Hütten des Nachbarn anzuzünden als langwierige Verhandlungen zu führen um einen Ort und eine passende Zeit zum Kampf festzulegen und dann noch zu riskieren das eben jener Nachbar einem die mühsam erhaltenen Zähne ausschlug.
Der Nutzen dieses Vorgehens liegt auf der Hand: Anders als bei der Feldschlacht mussten die Truppen nicht bis zum für die Schlacht bestimmten Zeitpunkt versorgt und bei Laune gehalten werden (es gab auf Feindesland ja "Selbstbedienung"), die Ritter riskierten keine sehr kostspielige Auslösung aus eventueller Gefangenschaft und ganz nebenbei fielen Rinder, Pferde, Hausrat und anderer Besitz der den ritterlichen Gegner im Feudalsystem stützenden Landbevölkerung in die eigenen, gierigen Finger.
Und was tun mit Bauer Beppos Kuh Mathilde, wenn sie mal erobert war? Sie an den Sattel des Streitrosses zu binden und mit dem Rindvieh durch Südböhmen streifen war doch gar arg "unritterlich". Dann doch lieber den ganzen Plunder an die Infanterie übergeben die wunderbar als Viehtreiber, Karrenlenker und des nächtens als Lagerwachen einsetzbar sind.
Und seien wir mal ehrlich, das Plündern von Höfen und Häuslerkaten verliert auch schnell seinen Reiz! Da doch lieber die Fußsoldaten einsetzen und sich auf ihre Fähigkeit verlassen alles nicht Niet und Nagelfeste mitzunehmen und das wenige Genagelte dem "roten Hahn" zu übergeben. Außerdem wird so die eigene, städtische Wirtschaft auch nicht durch verkrüppelte oder gefallene Handwerker geschwächt. Eine Win-Win-Situation also .. nur nicht für die Landbevölkerung des Gegners.

Leider ist das wirklich gute Zeug aber nicht in holzschindelgedeckten Bauernhäusern zu finden sondern in Burgen, oder noch besser, Städten des Feindes. Da zahlt sich die ganze Rumreiterei in müffelndem Eisen erst so richtig aus.
Aber wie kommt man da ran, wo die doch meisten eine depperte Mauer mit blöden Türmen haben gegen die ein berherztes Angaloppieren einen eher überschaubaren Erfolg zeigen dürfte?
Das Mittel der Wahl: Belagerung! Bei einer solchen Unternehmung ist der Nutzen von gerüsteten Fußsoldaten natürlich klar: Sie schleppen, graben, bewachen, bauen, tränken Pferde und stellen Zelte auf. Wirklich nützliche kleine Kerlchen also. Und man kann sie wunderbar verwenden um Stadtgräben zu verfüllen und Leitern an Mauern zu schleppen während ihre Leidensgenossen, die Schützen, ihnen mehr oder weniger gelungen Deckung geben.
Wenn sich die Stadt dann ergibt oder im schlimmsten Fall wirklich bezwungen werden will kann man als Ritter immer noch "ritterlich" sein und Bargeld statt Massaker auf den Zeitplan setzen. Da murren vielleicht die fußschmerzgeplagten Verbündeten ein bisserl, aber immerhin kommen sie heil wieder heim.

Erst als letzte Maßnahme kommt es dann zur Feldschlacht, jedenfalls wenn es wirklich dazu kommt. Denn so ein Termin ist schnell wieder verschoben und wenn die Verbündeten. auf die man beim Ansagen der Schlacht seine Hoffnung setzte, sich dann doch verspäten kann man den Unsinn auch noch ganz absagen. Damit es dann doch noch "Heldenzeit" gibt müssen sich beide Parteien aus irgendwelchen Gründen sicher sein sie könnten das Ding gewinnen.

Man darf eine solche Ritterschlacht natürlich nicht verharmlosen, da ging es schon heftig zur Sache und es gab eine Menge Tote. Der eigentliche Sinn aber war es, den Adel des Gegners zu demütigen, zu schwächen und, bei weitem der beliebteste Verlauf, gefangen zu nehmen!
Bei Gefangenen Rittern klingelte die Lösegeldkasse lauter als die Domglocken daheim und wer sich einen Grafen, Herzog oder gar König einpacken ließ der hatte wirklich ausgesorgt.
Das bei solch "ritterlichem" und "ehrhaften" Begebenheiten ein popeliger Fußsoldat nur im Weg war dürfte klar sein. Bei denen war ja vielleicht damit zu rechnen, dass sie der gut berittenen "Goldenen Gans" im Wappenrock den Spieß in den Helmschlitz rammten anstatt tugendhaft die lohnende Kapitulation entgegen zu nehmen.
Abgesehen von solch monitären Überlegungen wusste man in der ersten Jahrhunderthälfte mit Infanterie auch noch herzlich wenig anzufangen. Ich habe, abseits des aus dem Übel der Notwendigkeit geborenen Einsatzes von Fußsoldaten, in der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts für die Regionen von habsburgischem Interesse (Böhmen, Österreich, Ungarn, Steiermark, Kärnten, Bayern) keinerlei Beweise für einen erfolgreichen und geplanten taktischen Einsatz von Infanterie finden können. Jedoch kann man dem Aufbieten von Fußtruppen einen gewissen strategischen Wert nicht absprechen.

Der wirklich militärisch geschulte Teil der Bevölkerung war letztendlich immer noch der schwere, gepanzerte Reiterkrieger: Der Ritter aus den Sagen und Geschichten.
Mit schweren Rüstungen (Ringpanzer, Plattenröcke, Arm- und Beinpanzerung, massive Helme und schützende Schilde) und bewaffnet mit den effektivsten Waffen seiner Zeit (Lanze, Schwert, Dolch oder verschiedene "Dosenöffner" wie Äxte oder Streitkolben) war der schnelle und sturmgewaltige Ritter jeder Infanterie seiner Zeit haushoch überlegen. Jedenfalls wenn kein Schlammloch oder plätscherndes Bächlein im Weg war.
Doch trotz der Jahrhunderte der Vorherrschaft in allen Bereichen waren die ersten Blätter des mittelalterlichen Herbst bereits auf den von beschlagenen Hufen zertrampelten Boden der Weltgeschichte gefallen. Der blank polierte Harnisch hatte durch die Niederlagen gegen Städter und Bauern erste Dellen erhalten und mit den krachenden Schüssen der Feuerwaffen wurde sein Ende eingeläutet. Der größte militärischen Konflikt seit den Kreuzzügen, der 100jährige Krieg, bedeutete letztlich den Beginn eines Siegeszug der Infanterie.

Doch noch ist es 1340, und der 116 Jahre dauernde Totentanz zwischen England und Frankreich (im Geiste der Völkerverständigung natürlich unter reger Beteiligung vieler anderer europäischer Länder) hat noch nicht richtig an Fahrt aufgenommen. Die Wiener Welt ist noch in Ordnung und wenn der Herr Herzog zum Ausfahren einlädt, ist der größte Konflikt immer noch ob man lieber die vier gestohlene Schweine aus Böhmen nach Hause treiben oder doch den aufwändig geraubten bronzenen Grapen ins wohlige Heim schleppen soll.

Und wie sagte schon der legendäre John McClane? - "Gott liebt die Infanterie!" -

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